Organisatorische Struktur

Häftlingsarbeit und Selektion

Laut der Propaganda war Arbeit erstrangig ein Mittel zur politischen Erziehung, damit besserungsfähige Häftlinge in die nationalsozialistische Gesellschaft aufgenommen werden könnten. Jedoch zog die SS aus der Häftlingsarbeit mehr und mehr Gewinn. Die Kultivierung der umliegenden Moore war die anfängliche Häftlingsaufgabe, dies wurde rasch geändert. Die Errichtung handwerklicher Arbeitsstätten – Straßenbau, Maurer, Tischler, Schlosser, Schneider, Schuhmacher, Sattler, Bäcker, Schlachter – versprach mehr Profit bzw. Autarkie. Schon wenige Monate nach Lagereröffnung arbeiteten 1933 bereits 300 Häftlinge für die SS. Es wurden Wohnungseinrichtungen hergestellt, Kleider und Schuhe gefertigt. Das Lager entwickelte sich zur wirtschaftlichen Basis der SS. Die Handwerkskammer schrieb am 28. November 1933 einen Brief und äußerte ihre Befürchtung, das Lager stelle eine unhaltbare Konkurrenz für andere lokale Handwerker dar. Die politische Polizei antwortete, die Produktion im Lager würde auf jeden Fall weitergeführt werden. Offiziell zählten die erwirtschafteten Werte zum Staatsbesitz, real nutzten sie Himmlers SS, indem sie die Abhängigkeit von der SA und vom Reichsinnenministerium verringerten. Bis 1940 konnte die SS den vollen Profit der Häftlingsarbeitskraft nutzen. In zahlreichen Fällen kam es bei der Zwangsarbeit zu Erniedrigungen, Misshandlungen und physischer Vernichtung, indem man Häftlinge schikanierte oder zu Tode hetzte. Später, v.a. in den großen Außenlagern, erhöhte sich diese Zahl drastisch. Kranke und körperlich entkräftete Häftlinge wurden in den Invalidenblock verlegt, von dort erfolgte der Abtransport zu den Tötungsstätten.

Ausbildungsort der SS

Da es das erste Lager der SS war, fand von Dachau aus der systematische Ausbau des KZ-Systems im Reichsgebiet statt. Die Ausbildung des SS-Personals fand hier statt, zahlreiche spätere KZ-Kommandanten waren anfangs in Dachau. Auf dem SS-Gelände waren die SS-Totenkopfverbände, also die Wachmannschaft, untergebracht. Eicke trainierte das Wachpersonal, Gewalt auszuüben und brutal gegen Häftlinge vorzugehen („Toleranz bedeutet Schwäche“). Die Rekruten lernten in der täglichen Praxis des Lagers Dachau, Prügelstrafe und Folter anzuwenden. Mit dem Erlernten kam das Wachpersonal in anderen NS-Lagern zum Einsatz.

Auch der Stab der Unterführerschule Dachau befand sich hier, wo der Unteroffiziersnachwuchs ausgebildet wurde. Ebenso befand sich dort die Verwaltung der SS-Führerschule des Wirtschafts-Verwaltungsdienstes.

Medizinische Experimente

Da die SS auch Mediziner ausbildete, um in Kriegszeiten Operationen bei verletzten Soldaten durchzuführen, kam es im Krankenrevier mehrmals zu Operationen aus Übungszwecken. Zudem führten zahlreiche Dachauer SS-Ärzte verschiedene Versuche an Häftlingen durch, zum Beispiel TBC-Versuchsreihe, Leberpunktionen, Rascher führte unter anderem Höhen- und Unterkühlungsversuche durch, Schilling infizierte Häftlinge mit Malaria.

Lagerordnung

In fast allen frühen Lagern entstanden Lagerordnungen, die aus den gängigen Vorschriften von Polizei- und Justizgefängnissen abgeleitet waren. Im Lager Dachau war dies völlig anders. Hier teilte Kommandant Wäckerle in der ersten Lagerordnung dem Amt Lagerkommandant die volle Gerichtsbarkeit zu, was ihm juristische Alleinherrschaft einbrachte und damit die weitgreifendste Veränderung war. Ein halbes Jahr später wurde sie am 1. Oktober 1933 in der zweiten Fassung durch Kommandant Eicke verschärft, als weitere Neuerung kamen Körperstrafen hinzu. Die Lagerordnung wurde ab 1934 für alle Konzentrationslager der SS gültig. Die Hierarchie des SS-Personals legte die IKL fest. Die IKL gab später auch einheitliche Richtlinien für die Prozedur des sogenannten Strafverfahrens in den KZ der SS vor. In der Postenpflicht ließ Himmler niederschreiben, auf Häftlinge müsse ohne Aufruf und ohne warnenden Schreckschuss sofort geschossen werden. Bei den zahlreichen unnatürlichen Todesfällen lautete häufig der Erklärungsversuch, man habe Häftlinge bei einem angeblichen Fluchtversuch erschossen.

Funktionshäftlinge

Die Methode „Teile und Herrsche“ wurde durch eine abgestufte Häftlings-Selbstverwaltung im Lager angewandt. Die SS ernannte Häftlinge zu Aufsehern über Pflichten. Sobald sie ihre Aufgabe nicht zur Zufriedenheit erledigten, verloren sie ihren Status wieder. Dann hatten sie Reaktionen anderer Mithäftlinge zu fürchten. Die SS nötigte Funktionshäftlinge, starken Drill auf andere Häftlinge auszuüben, beispielsweise hinsichtlich der Ordnung und Reinlichkeit in Baracken und bei Kleidung. Kleine Vergehen wurden schwer bestraft. Einer der meist gefürchteten Funktionshäftlinge war Meansarian, der nach der Befreiung des Lagers von US-amerikanischen Soldaten erschossen wurde. Dachau war in den zwölf Jahren seiner Existenz durchgehend ein politisches Lager. Die von Häftlingen besetzbaren Positionen blieben in Händen politischer Gefangener, diese waren seit Beginn und damit am längsten inhaftiert.

Lagerterminologie

Die SS gebrauchte im internen Schriftverkehr die Abkürzung KL; auch in damaligen Zeitungsberichten wurde diese Abkürzung verwendet. Dem Zeitzeugen Eugen Kogon zufolge verwendete die SS nach außen bevorzugt das härter und bedrohlicher klingende Kürzel „KZ“. Da sämtliche Konzentrationslager der SS unterstanden, prägte sich die ungewöhnliche Abkürzung ein. Gemäß amtlicher Definition des NS-Regime galten als Konzentrationslager nur jene, die dem Befehl der SS unterstanden. Die SS regierte hier willkürlich und ohne rechtliche Einschränkung. Andere Haftstätten, die nicht im Zuständigkeitsbereich der SS lagen, trugen in der nationalsozialistischen Terminologie Bezeichnungen wie Arbeitserziehungslager.

Propaganda

Himmler und die NSDAP betrieben mit dem „Vorzeigelager Dachau Propaganda“, um der „Gräuelpropaganda des Auslands“ entgegenzuwirken. Auch mit dem als Ghetto bezeichneten KZ Theresienstadt wurde Propaganda gegen die jüdische Minderheit betrieben.

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