Ábba Naor

Naor ist in Litauen geboren. In den ersten drei Kriegsmonaten seien von 220000 Juden im Land 140000 umgebracht worden, sagt er, Menschen seien mit den Synagogen verbrannt und im Wald erschossen worden.

Naor war 13 Jahre alt, als ihn die Nazis mit seiner Familie und 20000 anderen Juden ins Ghetto im litauischen Kaunas steckten. "Angst und Hunger wurden Normalität". Ein Bruder wurde 1941 erschossen, weil er sich nicht an die Regeln hielt. "Er wollte einkaufen."

Die Juden aus dem kleineren Ghetto in Kaunas – dort lebten 10000 Menschen – seien liquidiert worden. Sie hätten sich entkleiden und zu Gruben laufen müssen, dort seien sie erschossen worden. "Die Gruben haben tagelang gewackelt, weil nicht alle tot waren."

Naor wurde in ein Vernichtungslager nach Polen deportiert. "Das war die Hölle." Dabei sah das Konzentrationslager von außen schön aus, "mit Blumenkästchen an den Fenstern". Durch einen Zaun erspähte er Mutter und Bruder, als beide gerade weggingen. "Es war das letzte Mal, dass ich sie sah." Nach diesem Satz bleibt der 75-Jährige ein paar Sekunden stumm.

Naor wurde nach Dachau gebracht, in eines der Außenlager. Der 16-Jährige durfte arbeiten – und deswegen durfte er leben. Einmal, außerhalb des Lagers, sah er eine Schweinezucht. "Die Schweine bekommen Kartoffeln zu essen, warum nicht wir?", dachte er damals. Er griff zu. "Das war lebensgefährlich, aber lebensnotwendig."

Im Mai 1945 befreiten ihn die Amerikaner – zumindest aus Dachau. "Seelisch bin ich nie befreit worden", sagt Naor.

Zum Schluss fragt ihn eine Schülerin, ob er in den Lagern jemals an Selbstmord gedacht habe. Naor gibt zwei Antworten. "Es war zu leicht zu sterben, darum musste man sich nicht selbst kümmern." Und: "Das Leben ist schön."

 

 

Lokomotivführer zu werden, davon träumen viele Jungs. Für Abba Naor erfüllte sich der Wunsch unter grauenhaften Umständen. Im Sommer 1944 wurden er und 600 Leidensgefährten im KZ Stutthof bei Danzig in Viehwaggons gepfercht und nach Utting verschleppt. In einem Wald mussten die Häftlinge dort ein Lager errichten - primitive Erdhütten, in denen es kalt und feucht war - und Fertigbetonteile für die Firma Dyckerhoff bauen.

Die Teile waren für drei riesige Anlagen vorgesehen, die um Landsberg herum entstehen sollten. Dahin wollten die Nazis unter dem Codewort "Projekt Ringeltaube" die Produktion von Jagdfliegern verlagern. Zwischen Türkenfeld und Türkheim, Kaufering und Utting entstanden elf Außenlager des KZ Dachau. Etwa 30 000 Häftlinge schufteten dort unter erbärmlichen Bedingungen, die Hälfte starb.

"Ich wusste damals gar nicht, wie schön es in Utting am See ist", erzählt Abba Naor.

Die Häftlinge bekamen morgens einen Becher schwarzen Wassers zu trinken, abends nach bis zu zwölf Stunden Schwerstarbeit in jämmerlicher Häftlingskleidung und Holzschuhen, ohne so etwas wie Arbeitshandschuhe, gab es eine Scheibe Brot und ein bisschen Suppe. Einmal holten er und Kameraden Essen für die SS in Utting und bekamen im Milchladen von einer Frau Nahrung zugesteckt. Einmal klauten sie aus dem Stall neben einer Metzgerei den Schweinen Kartoffeln aus dem Trog.
Der Junge aus Kowno in Litauen, dessen Mutter und zweijährigen Bruder die Deutschen in Auschwitz ermordeten, wurde in Utting Heizer auf einer kleinen Lokomotive. "Dort war es warm, und ich hatte heißes Wasser zum Waschen. Wir waren alle völlig verlaust." Später wurde er Lokomotivführer auf einer Diesellok. Die SS ließ ihn sogar unbewacht fahren. "Unterwegs stahl ich Kohl von den Feldern."

 

Seit April 1994 steht an der Ecke Dachauer-/Augsburger Straße das Mahnmal für den Todesmarsch, auf dem die Nationalsozialisten Ende April 1945 Häftlinge von den Außenlagern bei Landsberg ins Konzentrationslager Dachau trieben. An den Gedenkminuten gestern anlässlich des Jahrestages der Befreiung von Auschwitz durch die Rote Armee nahm auch Abba Naor aus Israel teil, der den Todesmarsch überlebte.

Am Donnerstag hatte der 78-Jährige den Schülern der zwölften Klassen der Brucker Fach- und Berufsoberschule (FOS/BOS) über sein Schicksal berichtet. Die fünfköpfige Familie lebte in Kaunas in Litauen, als die Deutschen im Juni 1941 die Sowjetunion überfielen. Wehrmacht, SS und litauische Nachbarn fielen über die Juden her, Tausende wurden erschlagen und erschossen. Von 200 000 Juden in Litauen überlebten vier Prozent, darunter 150 Kinder, berichtete Naor. "Eines davon war ich."
In Kaunas wurden die Juden ins Ghetto gepfercht, Abba Naor wurde Eilbote, der ältere Bruder erschossen. Am 28. März 1943 holten die Mörder die Alten, Kranken und Kinder ab. "Das war einer der schlimmsten Tage", sagte Naor. Sein kleiner Bruder, zweieinhalb Jahre, entging den Mördern. Die Familie versteckte ihn im Kachelofen der Wohnung.

Etwa 1000 Juden flüchteten aus dem Ghetto und kämpften als Partisanen gegen die Deutschen. Im Sommer 1944 wurden die Überlebenden aus dem Ghetto ins Konzentrationslager Stutthof bei Danzig deportiert. Bei der Ankunft trennte man Männer und Frauen, zum letzten Mal sah Naor die Mutter und den Bruder, die in Auschwitz starben. Stutthof schilderte Naor als "Schikanierungslager".

Er wurde mit 600 Häftlingen im Viehwaggon nach Utting am Ammersee transportiert. Dort mussten sie im Wald ein Lager bauen und eine Fabrik für die Firma Dyckerhof, um Betonplatten herzustellen. Im April 1945 meldete Naor sich freiwillig ins Außenlager Landsberg, weil er hoffte, dort seinen Vater wieder zu finden. "In Landsberg musste ich für die Firma Moll den ganzen Tag Zementsäcke schleppen, die schwerer waren als ich." Am 24. April räumte die SS die Kauferinger Lager, der Todesmarsch begann. Unterwegs starben Tausende von Häftlinge. Der 17-jährige Naor aß Gras. "Die Wurzeln schmecken süß", erzählte er den Brucker Schülern. Am Morgen des 2. Mai waren die Wachen verschwunden, die Überlebenden endlich frei.

Den Vater traf Naor im Displaced-Persons-Camp in Freimann wieder. "Er wollte nach Litauen zurück oder in die USA." Naor wurde wegen Schwarzhandels in München von der US-Militärpolizei verhaftet und in die Wache in der Ettstraße gebracht. Dort erkannte er einen deutschen Polizisten wieder, der als Wachmann im Ghetto Kaunas Juden Flaschen auf die Köpfe gestellt hatte, um sie herunterzuschießen. "Das gab mir den Schubs, Deutschland zu verlassen." Naor schloss sich einer Kibbuz-Gruppe in Landsberg an und emigrierte nach Israel.