Todesmarsch von Dachau

Erst Mord durch Bomben und Gift, dann Marsch ins Ungewisse?

Mitte April befahl SS-Führer Kaltenbrunner, Chef des Berliner SS-Zentrums "Reichssicherheitshauptamt", dem Münchner Gauleiter Giesler, "im Auftrage des Führers unverzüglich eine Planung über die Liquidierung des Konzentrationslagers Dachau und der beiden jüdischen Arbeitslager Landsberg und Mühldorf auszuarbeiten". Unter dem Decknamen "Wolke A1" sollten die Außenlager des KZ-Komplexes von Dachau durch die Reichsluftwaffe bombardiert werden. Von diesem Befehl berichtete der oberbayerische Gaustabsamtsleiter Bertus Gerdes, den Gauleiter Giesler mit der Umsetzung des Kaltenbrunner-Befehls beauftragt hatte, im November 1945 im Rahmen des Nürnberger Prozesses. Gerdes verweigerte jedoch den Befehl mit der Begründung, Mangel an Benzin und Bomben sowie schlechtes Flugwetter würden die Luftwaffe an diesem Einsatz hindern.

 

Einige Tage später, als US-Truppen schon Südbayern erreicht hatten, befahl Kaltenbrunner Gauleiter Giesler die Aktion "Wolkenbrand". Die "Landsberg-Juden" sollten ins KZ Dachau evakuiert und dort - zusammen mit allen Häftlingen des Hauptlagers - mit Gift getötet werden. Die jüdischen Häftlinge des KZ-Komplexes Mühldorf sollten von Gestapo-Angehörigen ermordet werden. Als die ersten "Landsberg-Juden" am 25. oder 26. April im KZ-Dachau eingetroffen waren, befahl Kaltenbrunner, die Aktion "Wolkenbrand" sofort durchzuführen. Auch diesen Befehl sabotierte Gaustabsamtsleiter Gerdes.

 

Erst in den letzten drei Tagen vor der Befreiung des KZ-Dachaus ordnete Kaltenbrunner in einem dritten Befehl an, alle Dachauer Häftlinge (mit Ausnahme von "Westeuropäern") zur Ermordung ins Tiroler Ötztal marschieren zu lassen. Im Nürnberger Prozess erklärte Kaltenbrunner, Hitler hätte ihn angewiesen, die arbeitsfähigen Häftlinge "zum Festungsbau in die Alpen" zu schicken. Der Zeitpunkt dieses Befehls, der den Dachauer Märschen eine veränderte Zielsetzung gab, ist nicht bekannt.

 

Arbeistsklaven für die "Alpenfestung"?

Auch Reichsführer SS Heinrich Himmler habe Mitte April befohlen, "Deutsche, Russen, Polen und Juden" aus den bayerischen Lagern Flossenbürg, Dachau, Landsberg und Mühldorf "in ein Gebirgstal in Tirol" zu transportieren. Diesen Himmler-Befehl bestätigte SS-Sturmbannführer Fritz Degelow im November 1945 im Rahmen des Dachau-Prozesses.

 

Es ist historisch belegt, dass Hitler und Himmler in der letzten Kriegsphase die Verlegung von Rüstungs- und Versorgungsbetrieben (z.B. Luftwaffe, Raffinerien) nach Tirol, Salzburg und Steiermark geplant hatten. Die Häftlinge des Außenlagers Ottobrunn (östlich von München), die in der dortigen Luftfahrtforschungsanstalt arbeiteten, mussten am 26. April 1945 in Richtung "Alpenfestung" marschieren. Sie erreichten nur das Voralpengebiet bei Bad Tölz. Möglicherweise waren sie der Häftlingszug, der am 1. Mai noch Wildbad Kreuth - die Grenze zu Tirol - erreichte und dort von US-Truppen befreit wurde.

 

"Evakuierung" in den Tod

Was auch immer die allerletzten Absichten Hitlers, Himmlers und Kaltenbrunners Ende April 1945 für die jüdischen Häftlinge von Dachau, Kaufering und Mühldorf waren, egal ob erneute Sklavenarbeit im Ötztal oder Massenmord in abgelegenen Seitentälern Tirols, die grausame Wirklichkeit der Fußmärsche und Bahntransporte in Richtung Alpen lässt den Begriff "Evakuierung" als ungeeignet erscheinen.

 

Der Begriff "Evakuierung" kommt von dem lateinischen Wort vacuum, das "leer" bedeutet. Der Begriff "Evakuierung" meint also "Leerung" oder "Räumung", d.h. durch die Märsche und Bahntransporte sollten die KZ-Lager "geleert", d.h. "geräumt" werden. Der Begriff "Evakuierung" erhielt jedoch in den letzten Kriegsjahren einen Sinn, der für die Häftlingsmärsche nicht zutreffend ist. Mit Beginn der Bombardierung deutscher Städte und dem Vorrücken der alliierten Truppen auf das Reichsgebiet bedeutete "Evakuierung" Rettung und Schutz der deutschen Zivilbevölkerung - z.B. die Verlegung der Schuljugend aus den bombardierten Städten in ländliche Gebiete ("Kinderlandverschickungslager"). Deutsche Behörden evakuierten also deutsche Schulkinder, um sie in Sicherheit zu bringen, um ihr Leben zu retten.

 

Wurden KZ-Häftlinge von Kaufering und Mühldorf oder der Dachauer Transport vom 26. April 1945 in Marsch gesetzt, um ihr Leben zu retten? Angesichts der hohen Todes- und Mordrate auf diesen Transporten zu Fuß oder per Bahn und der Grausamkeit der SS-Wachen bis zum allerletzten Kriegstag ist der Begriff "Todesmarsch" für dieses düstere Kapitel der deutschen Geschichte zutreffend.

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